Mit seinen über 15 Millionen Einwohnern und Einwohnerinnen ist Istanbul die größte Metropole Europas und gleichzeitig Brücke zwischen Europa und Asien. Drei große Reiche, die Römer, die Byzantiner und die Osmanen haben in Istanbul ihre sichtbaren Spuren hinterlassen. Istanbul wurde Treffpunkt der drei abrahamischen Religionen und vieler Ethnien. Alltagsgewohnheiten unterschiedlicher Kulturen prägen seit Jahrhunderten das Leben in der Stadt. Istanbul – ein Ort, wo Differenz positiv gelebt wird? Aktuelle Strategien städtischer Politik lassen dies bezweifeln. Städte sind heute stets um die Schaffung eines markenähnlichen Stadtbildes bemüht, welches ihre Bekanntheit steigert und hohe Attraktivität garantiert. Istanbul präsentiert sich im Jahr der Kulturhauptstadt als weltoffene, moderne europäische Metropole und wollte ein Höchstmaß an kultureller Beteiligung sicherstellen. Spektakuläre Großereignisse, kulturelle Highlights und die Renovierung historisch bedeutsamer Kulturstätten sind Teil des Kulturhauptstadtprogramms. Abseits der Glanzseite zeigt sich ein ganz anders Bild, welches die hier ausgestellten Fotografien verdeutlichen. Die Bilder zeigen das Leben und die Lebensbedingungen in Gecekondus [sog. ‚illegale‘ Wohngebiete, besetzt und/oder ohne Baugenehmigung, aus denen nach traditionellem Recht der ‚Besetzer‘ nicht vertrieben werden darf, wenn er ‚über Nacht‘ sein Dach über dem Kopf erstellt hat] entweder in Randlage der Stadt und in innerstädtischen Stadtvierteln, die unter einem massiven Aufwertungsdruck stehen. Städtische Transformationsprojekte werden implementiert unter dem Diskurs der Modernisierung des Lebensstandards und der Lebensbedingungen. Diese Strategien greifen tief in das Alltagsleben der Bewohner und Bewohnerinnen ein. Ganze Stadtteile werden abgerissen und ihre Bewohner und Bewohnerinnen vertrieben und in weit entfernte Stadtteile umgesiedelt – ungeachtet ihrer lokalen Verwurzelung, sozialen Bedürfnisse und kulturellen Identitäten.

Das Sanierungsprojekt in Sulukule im Bezirk Fatih ist eines der bekanntesten Beispiele dieser Aufwertungsstrategien. Die Zerstörung des historisch gewachsenen Stadtteils begann mit der Implementierung des Gesetzes No. 5366 „Law for the Prevention of Deteriorated Historical and Cultural Immovable Properties by Renovation and Re-use“ (Gesetz zur Prävention des Verfalls von historischen und kulturellen Gebäuden durch Renovierung und Um-/Wiedernutzung) im Jahr 2005. Sulukule war das weltweit älteste Roma-Viertel und durch sein kulturelles Nachtleben mit den zahlreichen Roma-Musikern und -Musikerinnen ein beliebtes Ausgehviertel in Istanbul. Die Arbeitslosigkeit und Armut der Bewohner und Bewohnerinnen stieg durch die Schließung zahlreicher „Vergnügungshäuser“ (mit Musik, Essen, Trinken) in den 1950er Jahren. Durch die umfassenden Sanierungsmaßnahmen wurde die bestehende Baustruktur für den Bau von Luxuswohnungen, Hotels und Büros zerstört. Von der Hagia Sophia bis zu den historischen Wällen in Sulukule soll dieses Altstadtviertel im osmanischen Stile wieder errichtet werden, so das ambitionierte Projekt von Bürgermeister Kadir Topbaş und Premierminister Erdoğan. Die alteingesessene Bewohnerschaft wurde inzwischen vertrieben und ca. 3.500 Menschen in das 35km weit entfernte Tasoluk umgesiedelt. Teile der Bewohnerschaft blieben zunächst im Viertel und richteten sich in Zelten temporär ihr neues Zuhause ein. Ein Drittel der Bewohner und Bewohnerinnen von Sulukule lebten von weniger als 150 Euro im Monat und waren auf die solidarische Unterstützung ihrer Nachbarschaft angewiesen, welche nun zerstört wurde. International bekannt wurde die Zerstörung des Viertels durch Organisationen wie UNESCO, UN-Habitat und zahlreiche Grassroot-Organisationen, die sich dem Konflikt annahmen und für die Bewohnerschaft Sulukules einstanden. Eine Gruppe aus Bürgerrechtler und –rechtlerinnen, Architekten und Architektinnen, Anwälten und Anwältinnen haben einen „Verein zur Rettung Sulukules“ gegründet. Sie trugen den Protest auf die Straße und demonstrierten und musizierten 40 Tage und 40 Nächte lang. Doch die Stadtverwaltung zeigte sich unbeeindruckt und zerstörte eine Jahrhundertjahre alte Geschichte. Flatternde Tücher, laut spielende Kinder, Musikgruppen und Straßenverkäufer und –verkäuferinnen sieht heute keiner mehr in Sulukule.

Auch weitestgehend von der Öffentlichkeit unbeachtet vollzieht sich der Abriss des altstädtischen Viertels Süleymaniye. Es scheint, als wäre das Wort „Behutsame Stadterneuerung“ hier ein Fremdwort. 15% der historischen Baustruktur, darunter auch viele denkmalgeschützte Holzhäuser, wurden bereits abgerissen. Auch hier wird ein Mittelklassewohngebiet im osmanischen Stil entstehen. Die vermeintliche Attraktivitätssteigerung soll auch vermehrt Touristen und Touristinnen in das Viertel locken, die derzeit nur für den Besuch der bekannten Süleymaniye Moschee in dieses Viertel kommen. Seit 1985 ist Süleymaniye aufgrund seiner historischen byzantinischen und osmanischen Steingebäude UNESCO-Weltkulturerbe. Doch das Viertel ist marode und vernachlässigt, was nicht zuletzt auch an (den) rigiden Auflagen des Denkmalschutzes liegt. Restaurierungsarbeiten unterliegen strengen Auflagen und die bürokratischen Hürden ziehen oftmals lange Genehmigungsprozesse nach sich. Auch in Süleymaniye gibt es Bemühungen, eine BürgerInneninitiative ins Leben zu rufen. Zudem soll ein Kompetenzzentrum für die Restaurierung alter Holzhäuser (KUDEB), durch die Stadtverwaltung finanziert und mit der UNESCO kooperierend, jungen Restauratoren und Restauratorinnen das vergessene Handwerk der osmanischen Schreiner lehren. Diese Art der Restaurierung stellt eine gelungene Alternative zur billigen Stahlkonstruktion mit angeklebten Holzfassaden der Stadtverwaltung dar.

23km vom Istanbuler Stadtkern gelegen befindet sich der Stadtteil Ayazma im Bezirk Küçükçekmece. Mit der Ansiedlung von Industriebetrieben zogen auch zahlreiche Arbeiter und Arbeiterinnen in den Bezirk. Durch die gute infrastrukturelle Erschließung und die räumliche Nähe zum Stadtzentrum wurde der Bezirk im Laufe der letzten Jahrzehnte besonders attraktiv für die lokale Regierung. Mit dem Bau des Atatürk-Olympiastadiums auf einer 25ha großen Fläche im Jahr 1999 begann die erste Aufwertungswelle in Ayazma. Nicht nur die Bezirksverwaltung hat an der Entwicklung des Gebietes Interesse, sondern auch die Verwaltung des Großraum Istanbuls. Ein internationales Symposium im Jahr 2004 diskutierte über Stadtumbauprojekte im Bezirk, bei dem die Gecekondus Ayazma, Altinşehır und Tepeüstü als Stadtumbaugebiete ausgewiesen wurden. Ein strategischer Plan mit den Schwerpunkten „Tourismus, Naherholung, Wirtschaft und Wohnen“ wurde im Jahr 2006 dann von der Bezirksregierung erarbeitet. Für die Gecekondu-Bewohner und -Bewohnerinnen bedeutete dies eine Vertreibung aus ihrem Wohnumfeld und Umsiedlung in für sie kaum erschwingliche Neubaugebiete. Sie mussten für die Tourismus- und Freiraumachsen als Teil des ökologischen Korridors Istanbuls sowie für die Entwicklung von neuen Wohn- und Dienstleistungsstandorten weichen. Die ehemalige Bewohnerschaft Ayazmas und Tepeüstüs zogen vor 3 Jahren in neu errichtete Sozialwohnungen der TOKI-Bau-Genossenschaft in Bezirganbahçe um. In Bezirganbahçe sind 55 Wohnblöcke mit insgesamt 2.640 Wohnungen entstanden. Es erinnert an die monofunktionalen Wohngebiete aus den 1960er Jahren hierzulande – ergänzend sind lediglich eine Schule, ein Gesundheitszentrum, ein Kindergarten, ein Gemeindezentrum sowie Sportanlagen im Gebiet zu finden. Die neue, gezwungenermaßen zugezogene Bevölkerung, hauptsächlich mit einem kurdischen Background, ist von vorneherein ausgegrenzt. Sie zählt zu den ärmsten Bewohnern und Bewohnerinnen und wird in einer offiziellen Broschüre der Stadtverwaltung sogar als „those wild, mountain people, who have no idea about urban ways of life“ (diese wilden Bergbewohner, die nicht die geringste Vorstellung von einem städtischen Lebensstil besitzen) beschrieben. Ihnen wird lediglich ein „primitiver Lebensstandard“ zugesprochen und sie hätten Land besetzt, was für „höherwertige“ Nutzungen in Zukunft vorgesehen sei. Die offene Stigmatisierung der Bewohnerschaft durch die Stadtverwaltung und Politik wird noch durch soziale Spannungen unterhalb der Bewohner und Bewohnerinnen selbst begleitet. Die alte Bewohnerschaft von Bezirganbahçe begegnet den neu Zugezogenen mit Misstrauen und sie bilden eine Art polizeiliche Allianz um die urban poor unter Beobachtung und Kontrolle zu halten.

Tarlabaşı, in unmittelbarer Nähe von Taksim-Beyoğlu, ist ebenfalls Opfer der Transformationspolitik und des Artikel 5366 zur Stadterneuerung. Tarlabaşı ist ein Beispiel für ein vernachlässigtes, ethnisch auffälliges “Ghetto”-Gebiet: Fremde, Transsexuelle, usw… ein ‘gefährlicher Ort’. Die Bewohner und Bewohnerinnen von Tarlabaşı waren historisch die nicht-muslimische Bevölkerung des Osmanischen Reiches. In neuerer Zeit sind es Migranten und Migrantinnen aus Anatolien, Kurden und immer mehr illegalisierte afrikanische und asiatische Flüchtlinge. Viele arbeiten im informellen Sektor des angrenzenden Tourismus- und Einkaufsviertel um den Taksim und die Istiklalstrasse. Für den Bau des Tarlabaşı Boulevards in 1986 wurden bereits 300 levantinische Häuser abgerissen und das Viertel räumlich vom sozial und ökonomisch aufsteigenden Taksim-Gebiet getrennt. Durch die räumliche Trennung blieb Tarlabaşı anders als das benachbarte Viertel um die Istiklal Caddesi von den Gentrifizierungswellen in den 1990er Jahren vorerst verschont. Die Vernachlässigung des Viertels führte jedoch zu einem andauernden Prozess räumlichen Verfalls. Als letztes innerstädtisches Armenviertel ist Tarlabaşı eine Insel zwischen den schon längst gentrifizierten Stadtteilen Galata, Cihangir und Talimhane. Durch den städtischen Transformationsprozess soll sich dies ändern und auch Tarlabaşı ein Ort des gehobenen Wohnens für “bessere” Schichten werden. Die Verwaltung von Beyoğlu arbeitet mit TOKİ und der Baufirma GAP zusammen. Gegen diesen Plan gründeten die Bewohner und Bewohnerinnen eine Vereinigung zum Schutz und zur Verteidigung ihrer Rechte als Eigentümer und Eigentümerinnen sowie Mieter und Mieterinnen. Diese Nachbarsschaftsinitiative stoppte bisher den Verhandlungsprozess zwischen der Stadtverwaltung und TOKI. Die Stadtverwaltung will offensichtlich nicht nur den materiellen Zustand der baulichen Umgebung verbessern, indem Fassaden und Wohnungen renoviert werden, sondern sie will die Vertreibung der ansässigen Bevölkerung zugunsten homogener und wohlhabendere Schichten: ein typischer Gentrifizierungsprozess.

Der Stadtteil Kumkapı liegt am Marmara Meer im Bezirk Eminonü. In Istanbul ist Kumkapı wegen seines authentischen Nachtlebens mit zahlreichen Bars und türkischer Lifemusik bekannt. Einst war Kumkapı ein Fischerdorf, durchsetzt freilich von Werkstätten und Geschäften für Fischereibedarf. Die 2-4-stöckigen Wohnhäuser, früher einmal von Fischern bewohnt, wurden zu kleinen Fischerkneipen und Fischrestaurants umgebaut. Die “Wiederherstellung” von Kumkapı ist ein formuliertes Ziel der Kulturhauptstadt Istanbul 2010.

Der in unmittelbarer Nähe der Galata-Brücke gelegene Stadtteil Perşembe Pazarı birgt Hafendienstleitungen und Schifffahrtsdienstleistungen, aber auch traditionelle Metallindustrie  in alten Gemäuern. Ihn prägen auch touristisch orientierte, schicke Fischrestaurant und eine unendliche Zahl von Shops, die Schifffahrtszubehör, Werkzeuge aller Art und Kleineisenteile anbieten. Dieser Stadtteil ist von Modernisierung der türkischen Ökonomie insgesamt und der staatlich-städtischen Aufwertungsstrategie der Innenstadt bedroht und getrieben.

Das auf der Südseite des Goldenen Horns gelegene Viertel Fener-Balat war traditionell ein bevorzugter Wohnort des Istanbuler Bürgertums. Heute ist es da, wo der Verfall infolge der epochalen Suburbanisierung bürgerlichen Wohnens aufgehalten werden konnte, eher kleinbürgerlich. Aber die Nähe zur „City“ und zum mittleren Goldenen Horn haben Aufwertungsphantasien beflügelt. An ihnen setzt die staatlich-städtische Aufwertungsstrategie unserer Tage an und gefährdet das Viertel und seine traditionelle Baustruktur. Im Verfall wartet schon die Gentrifizierung des Stadtteils.

Das Werftenviertel Haliç-Tersaneliri am Goldenen Horn war Ende des 19. Jahrhunderts und im beginnenden 20. Jahrhundert das Herz der industriellen Entwicklung Istanbuls. Haliç setzte, gestützt auf moderne Eisen- und Stahlproduktion in der Türkei, weltweit die umfangreiche antike und mittelalterliche Schiffbautradition am Goldenen Horn fort. Heute liegt es zu nah an der „City“ und zu weit weg von den Achsen der Welt-Schifffahrt entfernt, als dass dies so bleiben könnte. Haliç-Tersaneleri befindet sich als Werftenstandort im Niedergang. Wenn die Werften nicht geschlossen wurden, dann wurden sie verlagert. Eine 2. Brücke über das Goldene Horn, die sich nie für die Schifffahrt öffnen ließ, obwohl dafür konstruiert, gab den Werften den Rest. War dieses „Missgeschick“ Teil der städtischen Stadtumbaupolitik für die neue City?

Kiraş liegt in der östlichen Peripherie Istanbuls. Es ist Auffangbecken der Armuts- und Kriegsflüchtlinge aus dem anatolischen Osten und den Kurdengebieten. Der Stadtteil entwickelt sich deswegen durch Gecekondus, den Spontangebäuden, die nach islamischem Recht von Wohnungslosen legal auf staatlichem oder städtischem Land errichtet werden können. Er entwickelt sich aber auch durch Industrieansiedlung internationaler Konzerne im anatolischen Teil der Metropolenregion Istanbul und durch TOKI-Wohntürme..TOKI ist „die“ Staatsfirma für genossenschaftliches Wohneigentum. Weil die Refinanzierung der Wohnungen in TOKI trickreich, extrem gedehnt und politisch abgefedert ist, sind TOKIs in Istanbul Ausdruck der sozialen Segregation im modernen Wohnblock.

Die hier im Rahmen der Ausstellung vorgestellten Beispiele verdeutlichen bildhaft den Umfang und die Intensität der Vertreibung alteingesessener Bewohner und Bewohnerinnen und sind Zeugen einer schwindenden Humanität. Die armen Bevölkerungsgruppen passen nicht mehr in das gewünschte Glamour-Bild der Stadtverwaltung, der es um die Vermarktung und den Verkauf der Stadt an den Tourismus geht. So stehen neben den Gecekonduvierteln auch die historische Peninsula und zentrale innerstädtische Gebiete unter demselben Transformations- und Zerstörungsdruck.

Ruhrgebiet: Wir gehen davon aus, dass die Ausstellungsbesucher und -besucherinnen über die Metropolenregion Ruhr und ihre Stadtentwicklung in großen Zügen und ausreichend informiert sind und fassen uns deswegen kurz.

Der Aufstieg des Ruhrgebiets begann im 18. und 19. Jahrhundert mit der Montanindustrie, mit den Dampfmaschinen, den Tiefbauzechen und dem Zuzug von Arbeitskräften von überall her aus Europa. Die Verstädterung der Region setzte in den letzten 30 Jahren des 19. Jahrhunderts ein, als die Arbeitskräfte aus dem ländlichen Umfeld nicht mehr ausreichten, die ökonomische Wichtigkeit der Montanindustrien ihrem ersten Höhepunkt entgegen strebte, die Bevölkerung explosionsartig zunahm und Eisenbahnen und Straßenbahnen die Industrien unter einander und auch die Wohnstandorte mit den Werkstandorten vernetzten. Auch der Aufstieg des Ruhrgebiets war für die einfachen Leute kein Zuckerschlecken, selbst  wenn irgendwann sauberes Trinkwasser für alle in den 1920 Jahren da war, Wohnungen für die meisten bis zum Beginn des zweiten Weltkrieg und Straßen, Kirchen, Sportarenen, Schulen, Theater Mitte der 1960er Jahre. Endlich, seit 1965 gab es auch Universitäten. Jetzt haben wir sogar von Duisburg bis Hamm neue Wissenschafts- oder Technologiezentren. Es gab ein unbestrittenes Streikrecht, demokratische Rechte für alle und ordentliche Facharbeiterlöhne für viele nach dem Ende des  Zweiten Weltkriegs und mit Gründung der Bundesrepublik Deutschland ab den 19 50er bis zu 1990 Jahren. Immerhin mussten auch eine Revolution (1918), Arbeitsverpflichtung in zwei Weltkriegen (1914-1918) (1939-1945)und Hungerzeiten bis 1950 durchlebt werden.

Die montanindustrielle Entwicklung verlagerte sich im Lauf des 20. Jahrhunderts. Der Bergbau und die Eisen- und Stahlindustrie ging vom Süden, vom Ruhrtal im 18. Jahrhundert aus. Im beginnenden 20. Jahrhundert begannen sie die südlichen Bereiche der Hellwegstädte von Duisburg im Westen bis nach Dortmund und Hamm im Osten zu prägen. Dann begann die Nordwanderung über die Köln-Mindener Eisenbahn hinaus und die Montanindustrien erreichte in der Weltkriegs II – Zeit die Emscherstädte.

„Erst stirbt die Zeche, dann die Stadt“, betitelte Wolfgang Quickel seine Bildserie über den Kampf um die Bergwerksarbeitsplätze In Herten. Dort oder überhaupt im Norden des Ruhrgebiets ist der Kohlebergbau um 2000 herum aufgegeben worden. Zwar haben die Städte im Ruhrgebiet das überlebt, aber viele Menschen leben darin  jetzt schlecht. In den tief industrialisierten Städten brach dem Wachstum der Metropole die traditionelle ökonomische Basis weg. Ein Strukturbruch jagte den nächsten. Die Krisen kamen per Express, seit 40 Jahren. Übrig blieben einige Kraftwerke an der Lippe, zwei Chemiestandorte im Emscherraum , ein einziges Eisen- und Stahlwerk in Duisburg, keine Zeche mehr im engeren Ruhrgebiet. Übrig blieben aber immer die  ausgedehnten Industriebrachen, für die sich keine angemessene neue Nutzung fand. Eisen, Kohle, Koks und Kanonen, Industrieausrüstung, Maschinenbau und Eisenbahnschienen, – sie werden nicht mehr in der Ruhrstadt produziert, sondern im Ausland. Hauptverwaltungen wurden gnadenlos zusammen gelegt. Kämpfe gegen die Verlagerung von Vodafone und Nokia, gegen Zechen- und Stahlwerkschließungen wurden verloren. Opel in Bochum hält sich – noch.

Das Ruhrgebiet erlebt eine hartnäckige, negative wirtschaftliche Abkoppelung vom Wachstum der Bundesrepublik, sichtbar in der unterdurchschnittlich niedrigen Entwicklung von Erwerbstätigenzahlen. Im Ruhrgebiet waren etwa im Oktober 2008 insgesamt 262.586 Menschen arbeitslos. Seit 1980 stieg die Arbeitslosenzahl um mehr als 300% und lag im Ruhrgebiet immer deutlich höher als in Nordrhein-Westfalen (Nov. 2008: RVR 10,3%, NRW 8,0%, BRD 7,1%). Von den 5,4 Mio. Einwohnern sind heute 620 000 ausländischer Herkunft. Armut und Migration überlagern sich deutlich. Die Einführung von Billig-Lohn-Sektoren und Hartz IV haben zur Verfestigung prekärer Arbeits- und Lebensverhältnisse seit 2006 erheblich beigetragen.

In den 1960er Jahren begannen die Städte im Ruhrgebiet auch an der Flächensanierung und dem Abriss von Wohngebieten und Arbeitersiedlungen zu sterben und an den nicht integrierten neuen Städten auf der  grünen Wiese vom Typ Wulfen, Fahrn in Duisburg, Huestadt in Bochum und Scharnhorst in Dortmund. Die vom Leerstand angefressenen und vom Abriss bedrohten Arbeiterquartiere wie in Essen-Altenessen, kriselnde Geschäftslagen wie z.B. in Duisburg-Marxloh oder Herne-Wanne, leer stehende Industriehallen wie in Oberhausen, kurz, eine von Autobahnen und von Brachen aller Art durchlöcherte  Zwischenstadt war das Resultat diese „Sanierung“. Was sich auf Brachen wieder sporadisch einnistete, waren beispielsweise Einkaufszentren wie das CentrO in Oberhausen, öffentliche Gebäude wie das Arbeitsamt Dortmund, die Fortbildungsakademie des Innenministers in Herne, Wissenschaftszentren wie das Gelsenkirchener, großflächige Frächter- und Verteilerzentren wie das von UPS in Herne oder von Ikea in Dortmund. Im Süden des Ruhrgebiets und im Hellwegraum sieht das oft anders aus als im Emscherraum. Die Aufwertungsräume im Norden sind deutlich kleiner, die Stadtstrukturen fragmentierter, der Bevölkerungsverlust stärker.

Heute ist neben dem Umbau der Bahn- und Industriebrachen die Bedrohung des Mietwohnungsbestands ein großes Thema. Städtische Wohnungsgesellschaften z.B. in Dortmund, Bochum, Datteln oder Essen hatten schon um die Jahrtausendwende schwierig zu bewirtschaftende Großobjekte an regionale Spekulanten verkauft. 2004 bis 2006 aber begann der Ausverkauf der das Ruhrgebiet prägenden Massenwohnungsbestände im Umfang von mehr als einer halben Million Wohnungen, die den ehemaligen Montangesellschaften gehört hatten, an internationale Finanzspekulanten. Die angeblichen Finanzinvestoren haben sich mittlerweile als Desinvestoren erwiesen. Sie lassen die Wohnungen und die Wohnumgebung verkommen. Ganze Stadtviertel, wie Dortmund-Westerfilde beispielsweise, ein Paradestück moderner Stadterweiterung aus den 1970er Jahren, drohen abzustürzen. Und mit ihnen die Hartz IV-Empfänger-Familien, die Migranten und Migrantinnen und die anderen Armen zuerst, die da wohnen. Doch Mieter und Mieterinnen, Mietervereine, soziale Netzwerke und manche Stadtverwaltung haben begonnen gegen diese große, neue Zumutung den Kampf aufzunehmen.

Zusammenstellung: Theresa Baumeister, Sebastian Müller