INURA Rhein-Ruhr

Fotoausstellung „Metropole- voll krass“

Istanbul-Ruhr Fotoprojekt

Wir erarbeiten eine Foto- und Videoausstellung, welche die aktuellen Transformationen, Umbrüchen und (De-)konstruktionen von Raum, Lebensbedingungen und sozialen Beziehungen im Ruhrgebiet und in Istanbul, den Kulturhauptstädten im Jahr 2010, dokumentiert. Beide Metropolregionen produzieren neue Räume und neue Klassen von Verlierern und Gewinnern. Wir wollen uns mehr mit den Verlierern des Umbruchs befassen, was viel zu selten geschieht, mit den Nachbarschaften, Menschen und ihren Lebensgeschichten, die unter der rasanten Verschlechterung ihrer Lage leiden.

Inhalte des Projektes

Die Ausstellung möchte aktuelle Ereignisse und Entwicklungen, heutige Probleme und betroffene Menschen des städtischen Umbruchs beider Regionen erfassen und dokumentieren. Sie soll sich mit den Widersprüchen unserer Existenzen und Existenzbedingungen in den Städten, die von Krisen betroffen sind, beschäftigen und dabei die nationalen und internationalen Bedingungen für die laufenden Auseinandersetzungen im Blickpunkt haben.

Die Ausstellung läuft unter dem Fokus der „Krisen“ und ihren konkreten Auswirkungen auf die städtischen Lebensverhältnisse in Ruhr und Istanbul. Andere Schwerpunktthemen sind Armut und Exlusion, Migration und Segregation, Bewegung und Widerstand, Arbeitsplatzverlust und Protest, Jugendliche und Perspektivlosigkeit

Krisen

Die Autokrise nimmt immer größere Ausmaße an. Absatzeinbrüche, drohende Werkschließungen und Stellenabbau stehen auf der Tagesordnung. Aktuell ist das Opel Werk in Bochum davon betroffen. Hier werden Warnstreiks und Proteste erwartet.

Vor kurzem hat IWF-Chef Strauss-Kahn gesagt, die Finanzkrise hat noch nicht die Realwirtschaft erreicht[1]. Doch die Schließung des Opelwerks und sonstige Betriebsschließungen sind Ausdruck dessen, dass die Krise die Realwirtschaft bereits erreicht hat.

Die Phase sozialstaatlicher Expansion ist längst vorbei und Exklusion, „under class“, Armut und Ghettoisierung bestimmen schon seit den 80er Jahren die Debatte um Arbeitslosigkeit. Die Finanzkrise wird die Armut verstärken und die Teilhabechancen am sozialen, politischen, kulturellen Leben weiter beschränken. Traditionelle Armutsgebiete verfestigen sich und die Bewohner und Bewohnerinnen werden weiter marginalisiert.

Auch auf dem Wohnungsmarkt ist eine Krise durch Wohnungsprivatisierungen zu sehen. In den ersten fünf Jahren des 21 Jahrhunderts verschärften sich die Widersprüche auf den Ruhrgebietswohnungsmärkten für einfache und sozial ausgerichtete Wohnungen. Sie verschärften sich, weil fast sämtliche der traditionellen unternehmensgebundenen Wohnungen im Ruhrgebiet und eine Reihe kommunaler Wohnungsbestände der Privatisierung zum Opfer fielen. Von den 1,8 Millionen Wohnungen, die in Deutschland zwischen 1999 und 2007 in größeren Paketen an internationale Investorenfonds verkauft wurden, wurden ca. eine halbe Million im Ruhrgebiet verkauft. Aus diesen Privatisierungen gingen die aktuell größten Wohnungsunternehmen Deutschlands hervor, Gagfah und Deutsche Annington. Wo es nur ging, wurden nach den Verkäufen Mieten erhöht oder Bergarbeiter- und Stahlarbeiterhäuser samt ihrer Gärten parzelliert und das Gemeinschaftseigentum zerlegt. Bis zur Hälfte der alten Personalbestände wurden Fachleute, Wohnungswirte, Hausmeister, Servicekräfte und Verwaltungskräfte entlassen, aber die Zahl der Call-Center Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen erhöht. Alte Mieter und Mieterinnen wurden gemobbt und zum Auszug gedrängt. Vermehrt müssen sich Mieter und Mieterinnen über falsche und überhöhte Nebenkosten herumstreiten oder in schwer gesundheitsschädlichen, vernachlässigten Wohnungen leben und in hunderten von Wohnungen in Siedlungen oder Hochhäusern mit mangelhafter Abfallbeseitigung oder verlotterten Grünbereichen fertig werden. Das lassen sich viele Mieter und Mieterinnen nicht mehr gefallen. Sie gründeten Mieterräte, die gegen solche Missstände kämpfen.

Auch die Energiekrise wird Auswirkungen auf (vor allem) arme Menschen haben, da steigende Heizkosten nicht bezahlt werden können. Auch Modernisierungsmaßnahmen von Wohnungen können nicht finanziert werden, und bei Hartz-IV Empfänger/innen in Deutschland sind die Argen nicht bereit, höhere Mietkosten zu zahlen und Zwangsumzüge sind die Folge.

Durch die Haushaltskrise des Staates und der Kommunen werden immer mehr Versorgungsleistungen in die Hände von privaten Akteure und Akteurinnen gelegt. Der Glaube an den Markt hat die Privatisierung von öffentlichen Gütern/Eigentum und öffentlicher Daseinsvorsorge gerechtfertigt. Doch die negativen Auswirkungen werden mehr als deutlich: „im Energiesektor hat sich ein Oligopol gebildet […]; die Deutsche Bahn expandiert in die ganze Welt, während sie in Deutschland das Schienennetz abbaut; viele Kommunen haben mit dem Verkauf ihres Eigentums viel politischen Einfluss verloren oder sich mit Cross Border Leasing großen finanziellen Risiken ausgesetzt“[2].

Ruhr

Armut und Exklusion

Seit Anfang der 80er Jahre zeigt sich- vor allen in großen Städten- eine zunehmende soziale Polarisierung[3]. Die zunehmende Arbeitslosigkeit ist u.a. mit dem Strukturwandel von der Industrie- hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft verknüpft. Durch Arbeitslosigkeit und schwächere soziale Bindungen steigt die Gefahr der Exklusion. Es zeichnet sich ein „Drinnen“ und „Draußen“ ab – Dazugehörige und Ausgegrenzte.[4] Das Gesicht der sozialen Frage ändert sich, früher wurden die Arbeitsbedingungen beklagt, heute dass es keine Arbeit mehr gibt. In Dortmund und Gelsenkirchen zum Beispiel ist die Arbeitslosenquote mit 15,3% bzw. 17,1% im NRW-Vergleich (10,2%) hoch[5]. Durch Hartz IV nimmt Prekarität und Verarmung weiter zu. Mehr als ein Viertel der Ruhrgebietsbewohner und -bewohnerinnen lebt in „Stadtteilen mit besonderen Erneuerungsbedarf“.[6] Stadtteile und Quartiere im Ruhrgebiet sind von einer unaufhaltbaren Abwärtsspirale betroffen, einer dauerhaften sozialstrukturellen und sozialräumlichen Verfestigung der Armut.[7] „Die Reichen wohnen wo sie wollen, die Armen, wo sie müssen.“[8]

Migration und Segregation

Migranten und Migrantinnen sind oft von Arbeitslosigkeit, prekären Beschäftigungsverhältnissen und Ausgrenzung betroffen. Die Polarisierung der Einkommensverhältnisse wird überlagert von Migration, die zur Ethnisierung sozialer Ungleichheit beträgt.[9] „Auf gesamtstädtischer Ebene ist eine Segregation der ausländischen bzw. türkischen Bevölkerungen auf bestimmte Quartiere zu beobachten“ (ethnische Quartiere)[10] Diese Quartiere sind von der Wohnqualität und vom sozialen Status her benachteiligt. So leben zum Beispiel auch im benachteiligten Stadtteil Dortmund-Nordstadt 42,2% Menschen mit Migrationshintergrund (Durchschnitt Gesamtstadt 12,9%).[11] Ebenso wird mit dem Blick auf den Schulabschluss deutlich, dass Migranten und Migrantinnen benachteiligt sind- die Mehrheit der Zuwanderer und Zuwanderinnen absolviert nur die Hauptschule.[12]

Arbeitsplatzverlust, Bewegung und Protest

Entscheidungen in der Stadtpolitik finden heute meistens ohne die Bürger und Bürgerinnen einzubeziehen statt, wie zum Beispiel bei dem Verkauf von Kommunal- und Sozialwohnungen.[13] Viele Mieter und Mieterinnen im Ruhrgebiet haben sich zusammengeschlossen und versucht, die geplanten Privatisierungen zu stoppen (z.B. Mieterinnenprotest zum LEG-Verkauf).  Auch bei der Werkschließung im Jahr 2008 von Nokia in Bochum gab es Proteste und Demonstrationen und bei der aktuellen Bedrohung von Opel in Bochum werden Warnstreiks und Proteste erwartet.

Jugendliche und Perspektivlosigkeit

Für die Eintrittskarte in das gesellschaftliche Leben ist die Schulbildung wichtig, diese ist jedoch u.a. abhängig vom Wohnort. Bildungschancen verteilen sich entlang von Grenzen sozialer und sozialräumlicher Ungleichheit.[14] Hier haben nichtdeutsche Schulabgänger und Schulabgängerinnen deutlich niedrige Abschlüsse als Deutsche. Jugendliche mit geringer Bildung und Qualifikation haben ein hohes Risiko arbeitslos zu werden und auch dauerhaft zu bleiben.[15]

Istanbul

Wie andere „Metropolen des Kapitals“ gerät auch Istanbul immer weiter unter Druck. „Vom global agierenden Immobilienkapital kräftig angeheizt und von der Politik bewusst forciert, ist der Transformationsprozess der historisch gewachsenen Stadtstruktur Istanbuls in vollem Gange.“[16] Nach europäischen Vorbildern vollzieht sich der Umbau der Stadt, auch soziale Polarisierung und Segregation nehmen immer weiter zu.

Gentrification/Wohnen

Noch erschwinglicher innerstädtischer Wohnraum muss entweder hochwertigen Büro-Appartements oder Luxuswohnungen weichen. Zerfallene Wohnviertel werden saniert, und die Mieten für ehemalige Bewohner und Bewohnerinnen zu teuer (Gentrification). Die Ergebnisse dieser Gentrification sind in vielen Stadtteilen zu beobachten: Cihangir gleicht immer mehr sanierten innerstädtischen Altbauvierteln und ähnliches ist zum Beispiel in Kuzguncuk, Ortaköy und viele mehr zu sehen.[17] So bilden sich in der Innenstadt sozial homogene Viertel der Mittelklasse aus, während Alteingesessene an den Stadtrand verdrängt werden.

Vertreibung und Protest

Gegen die aktuellen Stadtentwicklungsprojekte formiert sich vermehrt lokaler Widerstand. Ein bekanntest Beispiel ist sicherlich Sulukule, ein innerstädtisches, historisches Roma-Viertel. Hier werden die ehemaligen Bewohner und Bewohnerinnen verdrängt und ihre Häuser abgerissen. In Hinblick auf die Kulturhauptstadt im Jahr 2010 soll Istanbul „herausgeputzt“ werden.[18] Nicht nur die physische Struktur wird durch neue teure Stadthäuser verändert, auch die Bewohnerstruktur und das soziale und kulturelle Erbe werden durch die radikale Umwandlung zerstört. Sulukule ist ein UNESCO-Weltkulturerbe und eine derartige Veränderung ist laut deren Normen nicht zulässig.[19] Die Bewohner und Bewohnerinnen haben sich gegen die Vertreibung gewehrt und viele Menschen solidarisieren sich mit ihnen. Auch in anderen Vierteln, wie das Gecekondu Ayazma oder das innerstädtische Viertel Tarlabaşı, werden durch Transformationsprozesse radikal verändert. In Ayazma leben einige Familien in Zelten, weil sie sich einen Umzug in Mietappartements nicht leisten können.[20] Auch in Tarlabaşı wehren sich die Bewohner und Bewohnerinnen, hauptsächlich Migranten und Migrantinnen aus gegen Vertreibung und Gentrification, „die im Namen einer Europäisierung vorangetrieben wird.“[21] Die Bewohner und Bewohnerinnen haben eine Assoziation gegründet um für ihre Rechte auf Wohnen und Eigentum zu kämpfen.[22] In Gülsüyü Gülensu, ein ehemaliges Gecekondu- Gebiet im östlichen Teil Istanbuls, haben Bewohner und Bewohnerinnen erfolgreich gegen die lokale Stadtverwaltung gekämpft. Nachdem sie das offizielle Schreiben, dass ihre Nachbarschaft ein Transformationsgebiet ist, bekommen haben, haben sie 7000 Unterschriften gesammelt und 32 Gerichtsverhandlungen eröffnet, um gegen das Transformationsprojekt zu klagen.[23]

Segregation

Die städtische Struktur Istanbuls ist segregiert und fragmentiert. In den 80er Jahren gab es einen Konflikt zwischen niedrigen und hohen Einkommensklassen- die Reichen beanspruchten das Zentrum der Stadt und die Peripherie und die Armen wurden aus erschwinglichem Wohnraum im Zentrum verdrängt und haben sich in „neuen Armutsgebieten“ in der Peripherie niedergelassen.[24] Im Zentrum verdrängen Gentrification-Projekte alteingesessene Bewohner und Bewohnerinnen (ein Bekanntes Beispiel ist Beyoğlu) und in der Peripherie, in noch intakten Waldgebieten, werden mehr und mehr Gated Communities errichtet, die in den 1990er Jahren ihren Boom erlebten.

Die verschiedenen sozialen Schichten leben in Istanbul räumlich fragmentiert nebeneinander. Die heutige Form der Segregation zeichnet sich mehr durch eine aufgrund von Notwendigkeiten zusammengesetzte Struktur aus, als durch ein harmonisches Gefüge mit vielen verschiedenen metropolitanen Formen und Mustern..[25]


[1] Quelle: http://diepresse.com/home/wirtschaft/finanzkrise/452249/index.do?from=rss

[2] Quelle: http://www.kommunal-ist-optimal.de/index.php/Aufruf

[3] Häußermann, Siebel 2004: 7

[4] Häußermann, Siebel 2004: 21

[5] Sozialatlas Dortmund 2007: 58

[6] Strohmeier 2002: 47

[7] Voß 2002: 177

[8] Strohmeier 2002: 40

[9] Häußermann, Siebel 2004: 9

[10] Fischer 2001: 16

[11] Grunwald 2007: 185

[12] Waltz 2007: 75

[13] Doderer 2008: 101

[14] Dortmunder Sozialatlas 2007: 86

[15] http://www.dgb.de/2008/10/10_jugendarbeitslosigkeit/

[16] http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/1612204_ Auf-der-ueberholspur-gen-Westen.html

[17] Ebd.

[18] http://squattercity.blogspot.com/2008/01/gypsies-face-boot-in-istanbul.html

[19] http://40gun40gece-sulukule.blogspot.com/

[20] http://eng.habitants.org/noticias/inhabitants_of_europe/ayazma_istanbul_solidarity_tent_waiting_for_solution_after_demolition

[21] http://www.taz.de/4/taz-reisen/tazreisen-tuerkei/artikelseite/programm/

[22] Tan 2008: 4

[23] Tan 2008: 5

[24] Altinok 2008: 9

[25] Altinok 2008: 9